Dienstag, 16. Januar 2018

[Rezension] Alltag und Abenteuer von Eugen Roth




Alltag und Abenteuer
Anekdoten und Geschichten
Autor: Eugen Roth
Verlag: Hanser (1974)
ISBN 3-446-11955-8 
Seiten: 157

Eugen Roth (*1895; † 1976), bekannt durch seine Lyrik, erzählt in diesem Buch von seinem Leben. Dabei spielen die beiden Kriege, das sagt er gleich im Vorwort, nur eine nebensächliche Rolle.






 Ich lese so Erzählungen von Anfang des letzten Jahrhunderts sehr gerne und musste doch über so manches schmunzeln. 
Seine erste Anekdote fängt mit dem Satz an:
"Wer, wie ich, am Ende des vorigen Jahrhunderts geboren ist, hat Glück gehabt.
Tja, das kommt wohl immer auf die Perspektive an. 
Er bezieht sich darauf, dass er die ganzen technischen Veränderungen miterleben durfte. Die Glühlampe! Die Eisenbahn, den Fotoapparat, die ersten Hochräder, natürlich die ersten Autos. Telegramme, die damals noch handgeschrieben kamen. Das Telefon (welches hier noch mit ph geschrieben wird), dass es zwar schon lange gab, aber niemand so recht wusste, wie damit umzugehen ist. 
"Freilich", erzählt er, haben die Kriege gezeigt, dass Altes verlässlicher ist, als Neues. Die Kerze besser als die Glühbirne, der Löscheimer verlässlicher als die Motorspritze. 
Er endet mit "Im Anbruch des Atomzeitalters sind wir, gottlob nur vorübergehende, im Kriege, zu den Gepflogenheiten der Neandertaler zurückgekehrt, und wer will heute wissen, wie im Jahre 2000, unbeschadet des technischen Fortschrittes oder vielleicht gerade infolge seiner teuflischen Möglichkeiten, das Leben unsere Söhne und Enkel ausschaut." 
Das mit dem technischen Fortschritt war sicher sehr spannend, dennoch behaupte ich, niemand würde seinen ersten Satz unterstreichen. Aber Roth kannte nichts, als ein Leben voller Kriege. Der Mensch passt sich fast immer an die Umstände an, was bei einem anderen Satz von ihm deutlich wird. 
Als er 1914 mit seinen Kameraden wieder in den Krieg musste, sagte er zu ihnen: "Immer noch besser, als wenn heute Mathes-Schularbeit wäre!" 

Ich mag bei so Anekdoten, dass man auf Umstände hingewiesen wird, die man so heute nicht mehr kennt. So fährt er z.B. mit dem Zug nach Mailand. Mietet sich sein Hotel, geht Essen und alle starren ihn an. Als er abends in den Spiegel guckt, ist sein Gesicht rabenschwarz. Wer errät, warum es so war?
Schuld ist die Dampflok, die durch die vielen Tunnel gefahren ist.

Interessant fand ich auch, dass er im zweiten Weltkrieg rumgereist ist und Vorlesungen gehalten hat.
Nur leider werden die Hintergründe nicht klar. Und das trifft auf so einiges zu.
Oft erscheinen mir die Geschichten auch ohne Pointe.

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich von dem Buch nicht so begeistert bin, wie von Anekdoten von Hesse oder Kästner. Ich glaube, Hesse oder Kästner schrieben zeitlos. Auch wenn die Geschichten Anfang des letzten Jahrhunderts spielten, kann man sie auch heute noch problemlos verstehen.
Das ist hier leider oft nicht der Fall. Roth schien sich nicht vorstellen zu können oder er hat erst gar nicht daran gedacht, dass man sein Buch auch fast 45 Jahre später noch liest und manches nicht weiß, was vor 100 Jahren passiert ist.

Ich finde, er hat bei seinen Gedichten ein riesiges Talent. Ich lese ja gerade "Großes Tierleben" von ihm. Über 400 Seiten nur Reime. Ich verehre ihn hier sehr.
Aber in seinen Anekdoten konnte er das meiner Ansicht nach leider nicht gut umsetzen.

3 ♥ ♥ ♥

Kommentare:

  1. Hi Petrissa,

    das find ich, ist ein echter klassischer Gedanke, wie schreibe ich so, dass ich auch noch Jahre, Jahrzehnte später verstanden werde? Was kann man voraussetzen, was nicht? Sehr spannend, und schade, dass er es nicht vorhergesehen hat.

    LG
    Daniela

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    1. Hallo Daniela,

      nach Deinem Kommentar habe ich überlegt, ob es vielleicht gar kein bewusster Entscheidungsgang ist, sondern ob es eine Art Gnade ist, so schreiben zu können, dass es die Menschen 100 Jahre später auch noch verstehen.

      Liebe Grüße
      Petrissa

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  2. Ach, wenn ich nur ein Herz für solche Geschichten hätte... Ich kann ihnen einfach nichts abgewinnen. Aber dein Gedankengang ist auch für mich interessant. Hesse und Kästern hatten evtl. den richtigen Weitblick. Roth hat vielleicht daran gar nicht gedacht. Wer weiß...
    GlG vom monerl

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    1. Ach monerl,

      es gibt ja auch sonst genug zu lesen. :)
      Habe gerade schon bei Daniela geschrieben, der Gedanke kam mir erst später, vielleicht hatte es gar nichts mit Weitblick zu tun, sondern einfach mit einer Gabe. Denn eigentlich kann ich mir keinen Autor vorstellen, der denkt, dass man seine Bücher noch in 100 Jahren liest, weil das eine so enorm lange Zeit ist.

      Herzlich
      Petrissa

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  3. Hallöchen liebe Petrissa,

    wir habe zwar echt oft einen anderen Lesegeschmack, was aber auch cool ist, da ich bei dir immer Bücher entdecke, die ich noch gar nicht kannte.

    Liebe Grüße,
    Ally

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    1. Liebe Ally,

      das ist doch schon sehr viel, gelle?
      Ich danke Dir für Deinen Kommi!
      Herzlich
      Petrissa

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Ich freue mich total, wenn Ihr mir ein Kommi da lasst und mir sagt, was Ihr über den Beitrag denkt. ♥
Ich antworte entweder hier oder bei Euch.
Liebste Grüße
Petrissa
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