Sonntag, 7. Januar 2018

[Rezension]33 Bogen und ein Teehaus

33 Bogen und eine Teehaus
Autorin: Mehrnousch Zaeri-Esfahani
Illustration: Mehrdad Zaeri-Esfahani
Verlag: Peter Hammer (Auflage 1: 11.01.16) *
ISBN-10: 3779505223
Seiten: 148
Alter: 12-15








Inhalt: 

Es ist ein autobiografisches Buch über die Diktatur im Iran und die Flucht nach Deutschland im Jahre 1985.

Die Autorin wird 1974 in Isfahan, Iran geboren. Sie wuchs privilegiert auf. 
Ihr Vater war Arzt, sie hatten Angestellte, ein Haus mit Pol.
 Als kleines Mädchen erlebe sie die Revolution gegen den Schah, den selbsternannten Kaiser. Die Bevölkerung demonstriert, steigt jede Nacht auf die Dächer ihrer Häuser. 
1979 ist es geschafft. Der König geht ins Exil, Ajatolllah Chomeini kommt wieder. 
Nun wird alles besser, denkt die Bevölkerung, doch das Gegenteil ist der Fall. 
Monatlich kommen neue Gesetze heraus. 

"Nach der strengen Kleiderordnung für alle kam das Verbot weltlicher Musik. Im einzigen Fernsehprogramm liefen den ganzen Tag Korangesänge, Kriegslieder und Trauergedichte, rezitiert, gesungen und vorgetragen von Männerstimmen, denn Frauen durften nicht mehr ihre Stimmen einsetzen.
Spielfilme und Videos wurden verboten. Spiele auch. Schach war nicht mehr erlaubt, Kartenspiele, "Mensch ärgere Dich nicht" und andere Würfelspiele waren es ebenso wenig. Tanzen wurde bei Gefängnisstrafe verboten. 
Am Zayandeh Rud sah man keine Verliebten mehr., Denn zu zweit spazieren zu gehen, ohne verheiratet zu sein, war auch verboten. Verliebt sein war ebenfalls verboten.
Viele Frauen verloren ihre Arbeit, weil bestimmte Tätigkeiten nur noch von Männern ausgeführt werden durften. Frauen durften sich nicht mehr schminken. Sie durften nicht mehr mit dem Fahrrad fahren und nicht rennen. [....]"

Als sie eingeschult wird, muss sie gegen ihren Willen ein Kopftuch tragen. Ihre Mutter und ihre Tante versuchen sie zu überzeugen, wie toll es ist, obwohl beide es selber nicht mögen. 

1980 kommt der erste Golfkrieg. 
Jungs im Alter von 13-14 Jahren wurden in der Schule überzeugt, wie toll es ist, in den Krieg zu gehen und einen Märtyrertot zu sterben. 
Die Kinder wurden eingesetzt, um über die Minenfelder zu gehen und versteckte Minen mit ihren Körpern zur Explosion zu bringen. 

Die Autorin hat zwei ältere Brüder. Der 14 jährige leidet schon sehr in der Schule, weil er sich nicht an der Waffe ausbilden lassen will. 
Doch als das Gesetz rauskommt, dass zukünftig alle 15 jährigen eingezogen werden können, beschließt die Familie zu fliehen. 

Über die Türkei reisen sie nach Ostdeutschland und von da in den Westen. 
Mehrnousch erzählt, wie sie die Zeit wahrgenommen hat und wie das erste Jahr in Deutschland war. 

Die Autorin:

Sie studierte nach dem Abitur Sozialpädagogik und ist seit 1999 in der Flüchtlingsarbeit tätig. Heute arbeitet sie als Autorin und Referentin für Interkulturelle Öffnung und ehrenamtliche Flüchtlingsbegleitung. 2002 gewann sie den Demokratiepreis des Deutschen Bundestages.

Meine Meinung: 

Grandios! 

In einer so sanften Sprache beschreibt sie das Unbeschreibliche.  
Sie war ein intelligentes, kleines Mädchen, das viel beobachtet hat und versuchte, sich einen Reim von dem Verhalten der Erwachsenen zu machen. Aber auch ihre Eltern waren weltoffene Menschen und bezogen die Kinder mit ein. Auch wenn ihre Geschwister nur am Rande vorkommen, habe ich sie genau so mit ins Herz geschlossen und mich gefreut, als ich gesehen habe, dass ihr Bruder das Buch illustriert hat. 
Und es hat tief mein Herz berührt,  dass für die Eltern sofort klar war, lieber fliehen sie in eine ungewisse Zukunft, als das Leben ihres Sohnes aufs Spiel zu setzen.

Mich hat das Buch wirklich tief berührt. 
Einmal diese Grausamkeiten im Iran. 
Wenn man sich das Zitat oben mal durchliest, da fällt einem doch nichts mehr zu ein. Das können wir uns, in unsere heilen Welt, gar nicht vorstellen.
 Da macht mich einfach nur sprachlos und ich frage mich, wie Menschen es in einer Diktatur aushalten. 
Und ja, ich schäme mich auch ein wenig, dass ich keine Ahnung von der Revolution und ihren Folgen hatte. 
In so Situationen frage ich mich immer, warum die Presse uns eigentlich nie darüber aufklärt. 

Es hat mich auch berührt, wie schlecht deutsche Flüchtlingshelfer sie zum Teil behandelt haben. Und unter welch schlimmen Bedingungen sie teilweise leben mussten. Und das war 1985. Da wurde mir flau im Magen und ich fragte mich, wie schlimm es erst heute sein muss, wo weit mehr Flüchtlinge weit länger in "Großraumbaracken" verweilen müssen. 

Es ist erschütternd, weil es einen den Wahnsinn der Welt spüren lässt. Das was wir weit weg schieben, selbst wenn es vor unsere Haustür passiert. 
Und doch ist es auf eine Art geschrieben, die einen nicht verschreckt. Mehr als einmal hatte ich das Bedürfnis, die kleine Mehrnousch an die Hand zu nehmen.

Einziger Kritikpunkt: Es wäre schön gewesen, wenn die Jahreszahlen auch im Buch vorgekommen wären und nicht nur in der Vita.

Für mich ist es ein All-Age-Buch.

Lest es Ihr Lieben, Ihr werdes es nicht bereuen.
Eine absolute Kaufempfehlung! 
5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥


Kommentare:

  1. Liebe Lilly,

    da hast du wieder einmal ein Buch gelesen, dass mich brennend interessiert. Das was im Iran alles geschah, wie die Menschen gelebt und gelitten haben, erachtet man einfach nicht für wichtig genug, um es in der deutschen und westlichen Presse niederzuschreiben.

    Ich finde es so verdammt wichtig und wertvoll, von dieser Kultur, den Verboten, den Einschränkungen zu lesen. Für mich persönlich gilt, ich will wissen und verstehen was in der warum passiert. Es öffnet meinen Horizont und ich kann dem Menschen doch viel mehr entgegenbringen, wenn ich weiß wie er gelebt hat.

    Feine Rezension, liebe Lilly und soooooo liebe Grüße an dich.

    Anja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anja,

      das Buch wird Dir sicher gefallen.
      Ja, ich finde es auch unheimlich wichtig, über den Tellerrand hinaus zu schauen.
      Und gerade wenn die Presse mal davon erzählen würde, würde sie etwas gegen den Rassismus tun. Ich mein, wenn man das Zitat durchliest, müsste doch den meisten klar sein,d ass man unter solchen Bedingungen nicht leben kann. Die Kinder als Mienenfinder in den Krieg zu schicken! Da fehlen einem die Worte!

      Liebe Grüße
      Petrissa

      Löschen
    2. Ja, aber das ist gruselig, schmutzig, geht uns nichts an und es ist ja soooo weit weg. Ich könnte k.... und es ärgert mich, das nicht neutral und sachlich berichtet wird.

      Liebe Grüße

      Anja

      Löschen
    3. Ich muss sagen, mir ist das leider erstmals bei dem Krim-Konflikt aufgefallen, dass unsere Presse einseitig berichtet.
      Ich würde gerne mal wissen, ob das schon immer so war. Zumindest bin ich damit aufgewachsen, dass unsere Presse angeblich relativ objektiv berichtet.

      Liebe Grüße
      Petrissa

      Löschen
    4. Ich persönlich glaube, dass sich das immer mehr so entwickelt hat, dass nicht mehr absolut sachlich und objektiv berichtet wird. Heute wägt man wirtschaftliche Interessen ab, sieht alles kommerziell und steuert auch damit. Und ich bin überzeugt, dass Journalisten allein weiterhin gut und objektiv berichten, steht aber ein Medien-Konzern dahinter, sieht das schon wieder anders aus.

      Krass, aber wahr.

      Liebe Grüße

      Anja

      Löschen
  2. Liebe Petrissa,

    bei deinem Zitat aus dem Buch lief es mir kalt den Rücken runter. Es ist für uns wirklich unvorstellbar, unter solchen Bedingungen zu leben. Und ich denke, selbst du, die das Buch nun gelesen hat, kann es sich immer noch nicht ganz vorstellen, weil es so weit weg von unserem Leben ist. Da wird es einem doch wirklich bewusst, wie gut es uns in Deutschland in der heutigen Zeit doch geht.

    Das war eine wundervolle Rezension, danke dafür!

    Außerdem möchte ich dir noch sagen, dass ich dich für den Blogger Recognition Award nominiert habe. :) Hier ist der Link zu meinem Beitrag: https://tessa-jones.blogspot.de/2018/01/blogger-recognition-award.html

    Liebe Grüße an dich!
    Tessa

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Tessa,

      ja, es ist wirklich unvorstellbar. Grauenhaft! Ich würde nichts anderes machen und flüchten.

      Danke nochmal für die Nominierung. Ich habe nochmal überlegt, dass ich es doch eher nicht machen möchte. Ich hoffe, Du bist nicht böse.

      Liebste Grüße
      Petrissa

      Löschen
    2. Huhu,

      oh ja, ich würde da auch sofort flüchten! Denn unter diesen Bedingungen könnte ich nicht leben.

      Gar kein Problem, wenn du nicht bei dem Award mitmachen möchtest. :)

      Liebe Grüße
      Tessa

      Löschen
  3. Herzlichen Dank für den Tipp! Du weißt ja, dass mich solche Bücher sehr interessieren. Ich habe vom Iran noch nicht so viel mitbekommen. Aber die beiden Bücher von Marina Nemat Ich bitte nicht um mein Leben und Ihr werdet mich nicht besiegen kann ich dir sehr ans Herz legen. Sie haben mich sehr berührt, da sie wirklich was ganz, ganz schreckliches während ihrer Jugend erlebt hat. Im zweiten Buch erzählt sie von ihrem Leben in Kanada. Das eigentliche Buch im Iran und über ihre Gefangenschaft ist das erste Buch. Das wird dir "gefallen".

    GlG vom monerl

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe monerl,

      danke, die Autorin habe ich mir notiert.
      Auf der Suche nach Neuerscheinungen bin ich auch noch über ein interessantes Buch gestolpert: Frauen dürfen hier nicht träumen

      Liebste Grüße
      Petrissa

      Löschen
  4. Liebe Lilly,
    ich danke dir herzlich für deine ehrliche und präzise Rezension.
    Ich freue mich sehr, dass dir das Buch gefallen hat.

    Ich habe mich drei Jahre lang erinnert, und aufgeschrieben. 2012 habe ich angefangen, mich einfach nur für mich zu erinnern, nicht, um ein Buch zu schreiben. Nach Ankunft in Deutschland dachte ich, dass ich nicht gut genug bin für Deutschland und für die wunderbaren Menschen hier. Dass ich nur eine unerwünschte Ausländerin bin. Also fing ich sofort an, mich anzupassen, und meine persischen Wurzeln zu vergessen.

    Das gelang mir auch fast. Bis ich 2012 merkte, dass ich ohne mein Iran nicht leben konnte. Also holte ich mir mein Iran, nach 26 Jahren, wieder zurück - durch das Erinnern!

    Am Anfang habe ich beim Schreiben geweint. Dann war das Weinen weg und es blieb nur Staunen übrig. Ich merkte, dass ich viel mehr schöne Erinnerungen als schreckliche Erinnerungen hatte. So sind alle Kinder.

    Etwas später staunte ich schon gar nicht mehr. Alles, was am Ende übrig blieb, und bis heute geblieben ist, war Dankbarkeit und Demut. Eine unbedingte große Liebe gegenüber jeden einzelnen Menschen. Und eine große Freude am Leben, weil ich jetzt nicht nur Deutschland in mir trug, sondern auch Iran.

    Dann passierte noch etwas Unglaubliches. Als ich mich an alles erinnert hatte, erinnerte ich mich plötzlich an meine imaginären Freunde, die ich mir in diesen schwierigen Jahren ausgedacht hatte.

    Als erwachsene Frau hatte ich sie total vergessen. Und plötzlich waren sie wieder da, als hätte ich sie nie aus dem Gedächtnis gelöscht.

    Ihre Geschichte, und meine Abenteuer mit ihnen schrieb ich dann in meinem zweiten Buch "Das Mondmädchen" auf.

    Und plötzlich war ich 2016 Autorin mit einem Doppeldebüt. :-)

    So spielt das Leben mit uns, und hat immer eine riesengroße Überraschung in der Tasche.

    Ich wünsche dir alles Gute für dich und für deinen Blog.

    Komm doch mal auf eine meiner Erzählabende, wenn ich in der Nähe bin.

    Im Mai sind Mehrdad (mein Michael-Jackson-Bruder :-) der Illustrator) und ich zusammen auf dem Schwarz-Weiß-Bunt-Festival in Hagen und geben einen schönen Erzählabend.

    Und hier als kleines Geschenk eine Überraschung für dich.
    Eine wahre Szene aus meinem Buch, die och unglaublicherweise auf YouTube entdeckt habe:

    https://m.youtube.com/watch?v=74y8qfdXH54

    Ganz herzlich
    Mehrnousch

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Mehrnousch,

      ich habe mich so, so sehr über Deinen Kommentar gefreut!!! ♥ ♥
      Vielen herzlichen Dank!

      Ich kann gut verstehen, dass Du damals dachtest, Du musst alles persische vergessen, um nicht aufzufallen. Das wurde Dir ja auch sicher von Deinem Umfeld suggeriert. Um so schöner, dass Du Dich nun wieder erinnert hast. Denn ich glaube, damit eine Seele gesunden kann, ist es wichtig, beide Seiten anzunehmen. Und das ist ja gerade das Bereichernde an Vielfalt.

      Das Mondmädchen habe ich mir schon auf meine Wunschliste gesetzt, aber es ist toll, dass ich jetzt durch Dich noch mehr den Hintergrund des Buches kenne.

      Haha, das ist cool, das Mehrdad Dein ältester Bruder ist! Ich habe mich nämlich die ganze Zeit gefragt,welcher es wohl ist. :)) Wie geht es Deinen anderen Geschwistern und Deinen Eltern?
      Es ist total erstaunlich, weil mich bei noch keinem Buch die Familie so berührt und interessiert hat. Sie waren mir einfach alle von Anfang an sympathisch. Und man kann wohl gar nicht richtig ahnen, wie viel Kraft es Deinen ältesten Bruder gekostet hat, jeden Tag in die Schule zu gehen.
      Ich hoffe, es geht allen gut!

      Deine Erzählung als Ihr dann in Deutschland angekommen seid, hat mich auch sehr bewegt. Als so viele Flüchtlinge 2015 kamen, hat man ja davon gehört, wie sich Menschen mit unterschiedlicher Herkunft das Leben in den Flüchtlingsunterkünften schwer machen, aber das aus der Sicht eines Kindes zu lesen... Wo eh alles neu und fremd ist und dann wird man auch noch in der Unterkunft bedroht.
      Auch bei Deinen Erfahrungen in Karlsruhe....

      Ich hoffe sehr, dass Du unterm Strich mehr positive Rückmeldungen von Menschen bekommen hast als negative!! Es macht mich traurig, wütend und beschämt mich zu gleich, dass die Nazis wieder so stark geworden sind.

      Hagen ist leider gar nicht in meiner Nähe, aber ich habe schon einen Blick auf Deine Termine auf Deiner Web-Seite geworfen. :)
      Ich habe auch schon überlegt, meine Buchhandlung mal zu fragen, ob sie Dich nicht einladen wollen. Aber auf jeden Fall komme ich auf die Buchmesse nach Frankfurt. Es wäre toll, wenn wir uns spätestens da treffen könnten.

      Danke für den Link. Das Video ist sehr berührend.

      Hast Du denn vor, weiter zu schreiben? Ich würde mich sehr darüber freuen. Ich finde, Du hast großes Talent.

      Ich wünsche Dir das Allerbeste! ♥
      Herzlich
      Petrissa ( = Lilly)

      Löschen

Ich freue mich total, wenn Ihr mir ein Kommi da lasst und mir sagt, was Ihr über den Beitrag denkt. ♥ Ich antworte entweder hier oder bei Euch.
Liebste Grüße
Lilly